Compressor

Dubstep und seine gerade modernen Abkömmlinge könnte man im Kontext der heutigen Zeit als Faschisierung der Ästhetik begreifen. Unberechenbare Härte triff auf brechenden Beat, der keinen durchgehenden Rhythmus halten kann, weil wir selbst nicht mehr fähig sind, durchgehende Aufmerksamkeit für mehr als ein paar Sekunden zu spenden. Vor allem, wenn im Lärm der eigenen Gedanken die Gefahr besteht, wir könnten was Wichtiges verpassen.

Der Bass als brutaler Hirnfick, der abstumpft und das Ohr müde macht. Aber der Kick muss kommen, wenn schon der Alltag nur noch die Hatz auf das immer Weniger bereit hält, was der Nachbar einem über lässt. Lauter, immer lauter. Lautheit wird auf die kleinste Einheit gepresst und nur so hat sie die Chance, gehört zu werden.

Das, was uns hingeworfen wird als Lohn für ständige Verfügbarkeit. Aktuelle Musik im Bereich der massenhaften Aufmerksamkeit ist die moderne Form von Verlockung, dass wir weiterhin an der unteren Grenze des Mittelstandes von einem Leben träumen dürfen, welches die Verwandtschaft im Westen seit den Neunzigern nur noch in Luftschlössern zeigt. Obwohl alle Zeiger nach Unten zeigen. Und wir Zeitverträge sammeln wie der Opa dereinst die Briefmarken.

Harmonie wird der Abgesang auf das Heute sein. Wenn wir uns um Wasser, Benzin und Fertignahrung prügeln werden, hat die Gier endlich alles gefressen, was man für Geld hergeben konnte.

Es wird Zeit, dass man mit dem Lärm startender Düsentriebwerke Sinfonien aufführt. Als Schlagzeugset bietet sich ein Drohenangriff an, der gerade irgendwo auf der Welt eine Hochzeitsgesellschaft in die Ewigkeit schickt. Damit wir die Letzten sein werden, die sich für Fressen und die Luft zum Atmen keinen Dreck drum scheren müssen, dass da nebenan gerade die lieben Nachbarn vor die Hunde gehen. Wo wir vor Jahresfrist noch Urlaub gemacht haben und von der Einfachheit des Lebens dort schwärmten.

The man with the telescope

German accompanying text for my album »Cell-o-Grell« from 2013. Currently still relevant for me:

Ein Mann mit einem Fernrohr sitzt im Park und betrachtet die Welt um sich herum. Bewegt seine Augen bedächtig und vorsichtig durch die Stunden des Tages. Redet kein Wort, nicht mal mit sich selbst. Verharrt im feuchten weißen Fleck auf dem Rasen und fühlt nichts dabei, beobachtet nur noch Wolken, die sich von ihm entfernen.

Ohne eine Regung registriert er die täglichen Vorhersagen der vorbeigehenden Menschen und füllt seine Tabelle mit den gemessenen stündlichen Werten eines Instruments, das er danach wieder in der ledernen Umhängetasche verstaut.

Gedanken und Worte, Worte und Gefühle, gefühltes Wissen, Unwissenheit über die Mechanik der Welt. Sprachlosigkeit und hilfloses Klopfen an das trockene Holz der großen Tür, deren Schlüssel verloren gegangen ist. Angst um den letzten Faden, der zu zerreißen droht. Sie hatte auf immer versprochen, dass sie das andere Ende niemals loslassen wird.

Unsichtbares Nichtstun. Warten im Strudel der Bilder und Töne, Wegbrennen der letzten klaren Wahrheiten der vergangenen Jahre, versiegende Angst vor dem Scheitern, Freude über wachsenden Zweifel auf die verbleibende Zeit. Spürbare Verödung im Kopf, dicker Bauch. Klopfen unter der Brust.

Scheitern des Projekts von der Wichtigkeit der eigenen Existenz. Gefangen im Strudel der alltäglichen Ernsthaftigkeiten – definiert durch vorbildhaftes Scheinleben anderer Menschen.

Keine Erwartungen mehr an ein Echo. Zeit für den Einbruch in den schalldichten Raum, auch ohne Schlüssel. Es reicht ein Stück gebogenen Drahtes. Zeit für die große Reise in gefrierender Frühlingsluft. Duftend vom ersten Gras. Hinauf zum Gipfel des Berges, wo immer Eis herrscht und Wolken sich teilen. Wo sich vielleicht einmal zeigen wird, was man jemals in sich trug. Und was man mitnehmen darf.

Die Welt als Spiegel einer wünschenswerten Zukunft und als plakatierte Karikatur der Vergangenheit, vollgefüllt mit jeder denkenswerten Hoffnung auf den Tag, den der Mann mit dem Fernrohr voller Neugier und mit springendem Herzen Gegenwart nennen wollte.

Nackt durch nasses Gras laufen und ein wohliges Zucken den Rücken herauf spüren.

Aber es ist nur ein Leben voller Schuld, das täglich neue Schuldigkeiten einfordert. Verpasste Möglichkeiten und die stockende Hoffnung auf Wiederholung vermischen sich mit dem Gedanken, dass Mittelmäßigkeit das Älterwerden erleichtert.

Es reift die Gewissheit, dass Träume nur den Schein einer Gewissheit geben können. Es wird keine Gewissheit geben. Es wird bei einer Möglichkeit von vielen geblieben sein. Wie es sich anfühlen mag? Fliege ich wie ein Vogel, krieche ich wie eine Eidechse in praller Sonne auf einem Stein? Bin ich dieser Stein?

Erledigen von Unerledigtem. Schaffen von unfertigen Dingen. Warum immer nur das, was ich bin? Warum niemals das, was ich sein könnte? Wer will ich sein?

Das tägliche Tun und Lassen als Behältnis für das Gefühlte. Unentgeltlicher Transport von Optionen auf die Hoffnung und redlicher Handel mit Worten über das, was sein könnte. Das Hirn nur noch als Membran des Herzens. Keine Logik mehr. Keinen Zweifel mehr an die Chemie zwischen den Adern.

Was bedeutet uns das Leben? Was bedeutet uns die Erkenntnis, nicht einer von den anderen Menschen sein zu können, die wir tagtäglich beobachten und deren Existenz wir so erstrebenswert halten? Was bedeutet es, sich seiner selbst bewusst zu sein? Kann man das überhaupt ohne Einschränkungen? Kann man überhaupt die Kraft und die Fähigkeit besitzen, sich von sich selbst zu lösen, um sich aus der Perspektive betrachten zu können, um schweben zu können?

Mit dem Geist spielen zu können wie ein kleiner Hund mit einem Schuh? Wenigstens einmal.

Wie schon einmal: Sammeln von Gebrauchsanweisungen, Entziffern von unbekannten Zeichen, Lernen durch Beobachtung und durch die eigenen Fehler beim Tun. Imitieren von Entwürfen, Folgen auf die Ratschläge anderer, die sich als das erweisen, was sie sind: fremde Erfahrungen, Umhänge aus grobem Filz, die kratzen. Rohes Fleisch. Gerüche, die nicht mehr verführen, sondern abstoßen im Moment der Lust.

Der tägliche Gang als Vergleich in der Beobachtung. Der Gesang des Windes am Morgen. Das Echo auf sich selbst beim Atmen. Sprundelndes Winterwasser im ungeheizten Badezimmer, kalt wie der salzige Eisblock, der die Vergangenheit eingefroren mit sich herumträgt und dessen lederner Riemen an der Schulter blutige Narben gräbt.

Eine Frau im Kleid. Sie trägt ein Tuch um ihre Stirn, rot und wild und gemustert wie das Quecksilber in der ersten Nacht ihres Monats. Ein Mann im schwarzen Anzug. Mit weißem Kragen, unschuldig wie der zitternde Kuss nach dem ersten Wort am kalten Morgen vor dem wartenden Zug, das nach einem Versprechen auf die Ewigkeit klingt. Sie gehen die Treppe wieder hinunter, Hand in Hand. Sie verlieren sich in der Ferne und verschwinden im Nebel.

Der Löwe auf der Brücke. Scheinbar gelangweilt sitzt er da und schaut ins Nichts. Er wird sich irgendwann erheben und das tun, was ihm entspricht. Er kann seine Natur nicht verleugnen, er darf und kann sich seiner selbst sicher sein. Der Mann mit dem Fernrohr weiß das. Er hat nur eine Frist. Mehr nicht. Aber wie lange? Wie oft? Kann er seine Flügel benutzen. Will er das?

Frauen, die nach Samen für Ihre ungeborenen Kinder schreien. Und denen das Wort Treue nichts mehr bedeutet, sobald ein anderer noch blauere Augen verspricht.

Männer, die Ihre Herzensangelegenheiten durch ihre Macht erklären. Wenn es nur darum geht, werde ich mich mit einem Lächeln auf die Straße knien und warten, bis ich verhungert bin oder überfahren werde von einem dieser Männer im schnellen Auto. Ich kann es nicht mehr hören. Beides ist ferner denn je. Wenn nichts da ist, was wenigstens im Ansatz teilweise durch mich oder wegen mir passiert, dann will ich es niemals erlebt haben.

Es ist Nacht und die Stadt schläft. Kein Fenster mehr mit Licht. Alle braven Bürger machen ihre Kissen runzlig und träumen von einer Welt ohne Zins und Tilgung. Der kalte Regen des letzten Tages hat den Schweiß und den Dreck auf meiner Haut weggespült. Ein kleines einsames Glühwürmchen schwirrte vor mir herum, als ich die Hohlgasse nahm. Ich fing es mit der Hand und es war dunkel. Und still.

Wer nichts zu verbergen hat, braucht auch keine Gedanken an eine etwaige Einzigartigkeit der eigenen Person verschwenden. Das ist meine Schwäche, denn ich habe etwas zu verbergen. Aber damit muss ich leben. Mehr habe ich nicht im Moment. Aber auch das wird vorbeigehen.

Ein Mann auf dem Totenbett, zufrieden im Ausdruck und ohne Schmerz. Reales Bild einer Unmöglichkeit. Am Fußende liegt ein Fernrohr. Daneben steht ein Koffer voller unbeantworteter Fragen.